Samstag, 16. Februar 2013

Zu "Die Stunde in Peyresq"


Helmut Ullrich:

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Eins fällt mir freilich auf, wenn von der Gestaltung der Gegenwart zu sprechen ist. Es fällt mir auf, daß zwei in Westdeutschland oder doch hauptsächlich da spielende Romane umfassender und gedanklich schärfer sind, daß sie in all ihrer Unvollkommenheit doch zum Zeitpanorama gelangt sind, daß sie eine direktere Verbindung zu den Zeitereignissen haben, daß sie konzentrierter Darstellungen bürgerlicher Psychologien und Bewußtseinswandlungen enthalten, daß sie ein Mehr an gesellschaftlicher Relevanz und ideologischer Diskussion aufzuweisen haben. Ich meine Hanna-Heide Krazes "Üb immer Treu und Redlichkeit..." und Wolfgang Schoors "Die Stunde in Peyresq", Bücher, die farbiger sind, auch spannender, und dabei gedanklich tiefer.

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Oder der Roman von Schoor, der bei allen seinen stilistischen und kompositionellen Schwächen doch ebenfalls eine gesellschaftliche und historische Totalität erfaßt. Der ein erstes großes Panorama vom Denken und Leben westeuropäischer Jugend der fünfziger Jahre ist, in dem große weltanschauliche Dialoge geführt werden, in dem Probleme des christlichen Glaubens in unserer Zeit berührt werden. Dessen Thema jene Verantwortung des Menschen für seine Zeit ist, die eine der wichtigsten geistigen Grundlagen des zeitgenössischen realistischen Romans darstellt.
Und beide Romane berühren denn auch jene Thematik, die eigentlich im Mittelpunkt des Verlagsschaffens vom Union Verlag stehen sollte: die christliche Existenz in der Gegenwart, gesehen aus progressiver Sicht.
Helmut Ullrich: Bilanz und Ausblick. In: Zeugnis und Zeitgenossenschaft. Berlin: Union Verlag, 1968, S. 74-94. (Zitate S. 81-83.)


Günter Wirth:

[PS zu einem Brief an Karl Heinz Berger, in dem Wirth sich zu dessen Roman Nettesheim oder Die Schwierigkeit, ein Held zu werden, Berlin: Union Verlag , 1966, äußert.]

[...]

Übrigens fällt mir auf, daß es manche Bezüge zwischen Ihrem Nettesheim und Wolfgang Schoors Die Stunde in Peyresq gibt. Auch Schoors Roman steht „im Schatten der Domtürme“; die deutsch-französische Problematik spielt eine entscheidende Rolle, und was die „Intellektualität“ angeht, so liegt sie bei ihm noch mehr auf der Hand als bei Ihnen. Es ist interessant, daß ein anderer „junger“ katholischer Autor, einer, der aus Westdeutschland zu uns gekommen ist, dem Ihrigen verwandtes Material zur Gestaltung benutzt hat.

Günter Wirth: Historizität und Intellektualität. In: Zeugnis und Zeitgenossenschaft. Berlin: Union Verlag, 1968, S. 126-131. (Zitat S. 131).



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